Hochsensible Alltagshilfe
 

Jugend spricht !

 

ist eine Rubrik der Hochsensiblen Alltagshilfe, in welcher junge Hochsensible zu Wort kommen und über ihre noch recht jungen Erfahrungen als hochsensibler Mensch berichten.

 

Es soll so ein unschätzbar wertvoller Pool entstehen, der Hilfe von hochsensiblen Jugendlichen für hochsensible Jugendliche bieten soll.

 

 

1.  Wiebke Gesang, 17 Jahre:

 

 

Hallo ihr lieben, wertvollen Hochsensible,

 

mein Name ist Wiebke und ich habe vor zwei Jahren herausgefunden, dass ich hochsensibel bin. Diese Erkenntnis hat endlich Erklärungen mit sich gebracht, die mir so lange gefehlt haben. Davor habe ich mich unverstanden, am falschen Platz, unter Druck gesetzt und unvollkommen gefühlt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich sein durfte, wer ich bin, aber heute weiß ich; Ich darf.

Jetzt bin ich 17 und habe gerade in dem letzten Jahr viel mit mir gearbeitet. Von Selbstliebe und Selbstfürsorge über Grenzen bis hin zu Authentizität. /p>

Ich würde diesen Lernprozess niemals als einen leichten oder einen, der schnell passiert beschreiben. Man würde es sonst ja auch nicht „Prozess“ nennen. Momentan fühle/weiß ich, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde.

 

Trotzdem ist dieser nicht leicht. Zum Beispiel war letztes Jahr das 11. Schuljahr für mich und es war anstrengend. Die Lautstärke im Unterricht und in den Pausen. Die Lehrer, die mal wieder irgendwas vergessen, gerade selbst einen stressigen Tag hatten oder allgemein total unglücklich wirkten. Die Dynamiken in den Gruppenarbeiten, die mich jedes Mal auch noch Wochen danach Kraft gekostet haben. Das ständige Sich-Erklären, wenn man mal wieder gefehlt hat. Der Druck, der von dem System Schule kam und der Druck, den ich mir zusätzlich auch noch selbst gemacht habe. Das und vieles mehr waren und sind Faktoren, die für mich einfach unglaublich anstrengend sind.

Doch möchte ich hier auch von den guten Sachen berichten. Fortschritte sehen zu können, die andere als „klein“, aber ich als „groß“ beschreiben würde, war für mich eine lang ersehnte Fähigkeit. Beispielsweise die „Machtspielchen“, die manche Mitschüler mit mir spielen wollten, ignorieren zu können oder auch mal 2,5 Stunden in der Stadt sein zu können (ohne danach Tage komplett erschöpft im Bett zu verbringen) oder Präsentationen bloß noch mit Schwitzen und ein bisschen Zittern (ohne zu weinen und 2 Tage danach komplett erschöpft zu sein) über die Bühne zu bringen.

 

An alle hochsensible Jugendlichen oder überhaupt Hochsensible, die sich momentan nicht im Reinen mit sich oder alleine fühlen: Es gibt mehr Individuen auf der Welt, die gerade in diesem Moment dasselbe empfinden wie ihr. Ihr seid keines Weges alleine, denn jetzt (wenn ihr auf dieses Thema gestoßen seid) wisst ihr, dass es auf dieser Welt genug Leute gibt, denen es so geht wie euch. Und lasst euch sagen: Ihr seid, genauso wie ihr seid, wundervoll und genau richtig! Egal, was Medien oder andere Leute euch sagen.

 

Habt den Mut, euch selbst zu vertrauen und für euch zu sorgen.

Ich wünsche euch ganz viele Erfahrungen und wunderschöne Momente in eurem Leben mit dem Bewusstsein eurer Hochsensibilität!

 

                          Wiebke Gesang

 

 

 

 

2.  Anika Brust, 16 Jahre:

 

 

Ich bin anders

 

Mein Name ist Anika und ich bin 16 Jahre alt. Vor ca. einem halben Jahr habe ich heraus-gefunden, dass ich hochsensibel bin. Ich habe mich zwar schon immer „anders” als andere gefühlt, konnte es jedoch nicht einordnen.

 

Die Hochsensibilität bringt ein paar Nachteile, sowie aber auch Vorteile mit sich.

 

Ich habe durch die Hochsensibilität mit der Schule Probleme. Die vielen Reize, Eindrücke und Sinneswahrnehmungen in der Schule, wie z.B. Lärm, die vielen Kinder und der Druck im Unterricht kann mein Körper nur schwer verarbeiten, so dass ich sehr oft krank wurde. Das wurde immer mehr und irgendwann hab ich fast nur noch gefehlt.

 

Ich musste mich die ganze Zeit über sehr stark anpassen, was mir nicht gut tat. Ich machte mir tausend Gedanken, wenn ich am nächsten Tag in die Schule musste und war total fertig. Ich stand ständig unter Druck und überlegte, ob ich alles erledigt hatte, genug gelernt hatte, ich ging den nächsten Tag bis ins kleinste Detail im Kopf durch und konnte deshalb oft nicht richtig schlafen. Ich musste mich so sehr darauf konzentrieren, dass ich am Morgen vor der Schule nicht mal Musik hören konnte.

 

Bei mündlichen Leistungskontrollen konnte ich nie mein wahres Wissen zeigen, da ich auch dort ständig daran denken musste nichts falsches sagen zu dürfen, weil meine Mitschüler und auch der Lehrer vielleicht was blödes über mich dachten. Ich konnte in so einer Situation, in der ich total unter Druck stand eine gute Leistung bringen zu müssen, mich gar nicht mehr richtig konzentrieren.

 

Auch wenn ich im Unterricht dran kam brauchte ich eine Weile um umzuschalten, dass ich nun dran war etwas zu sagen, was auch noch richtig sein sollte. Meine Konzentration war sofort weg, wenn mich alle anstarrten und darauf warteten, dass ich etwas sagte. In meinem Kopf sprangen tausend Gedanken auf und ab… sag endlich was, aber nicht das falsche… wie soll ich es formulieren, dass es sich auch gut anhört… was genau will der Lehrer hören... wieso starren mich alle so an, was denken sie wohl über mich…

 

Mich stört es, wenn ich genaue Regeln befolgen muss, ich tue es zwar, weil ich es muss, aber diese Anpassung tut mir ganz und gar nicht gut. Ich lerne lieber flexibel und informiere mich über Themen, die mich wirklich interessieren und für mich wichtig sind. Ich lerne selbständig und ohne Druck.

 

Auch am Wochenende oder in den Ferien konnte ich nie richtig abschalten und einfach mal an was Anderes denken und Dinge tun, die mir Spaß machen.

 

Im Umgang mit neuen Situationen tue ich mich sehr schwer. Und auch Termine muss ich rechtzeitig wissen, damit ich mich gedanklich darauf einstellen kann. Solche Termine verursachen auch immer Stress bei mir und ich kann mich die Zeit davor nicht mehr entspannen.

 

Ich lebe eher zurückgezogen und ohne viele Freunde, mit denen ich etwas unternehme. Ich pflege andere soziale Kontakte, z.B. über das Internet. Für mich ist das kein Problem, ich fühle mich dabei wohl. Nur kann ich nicht verstehen wie manche Leute das anders sehen.

 

Durch diesen Druck und zu viele Sinneswahrnehmungen konnte ich nun die Schule nicht mehr besuchen, da mein Körper diese Anpassung nicht verkraftete. Der Arzt schrieb mich nicht mehr krank, da ich körperlich gesund war. Es folgten dann Druck von der Schule, verschiedene Therapien und Gespräche mit Psychiatern, die mich gar nicht verstanden und mich gleich einweisen lassen wollten. Das Problem ist, das die Hochsensibilität bei denen noch nicht so bekannt ist.

 

Mittlerweile war ich seit mehr als einem halben Jahr nicht mehr in der Schule und wir haben es endlich durchsetzten können, das ich Hausunterricht bekommen kann. In der Zeit wo ich zu hause war und Zeit hatte, habe ich mich aber in keinster Weise gelangweilt.

 

Mein Hobby ist es zu schreiben und zu lesen. Ich habe mich darin sehr viel weiterentwickeln können. Beim Schreiben ist die Hochsensibilität nun ein Vorteil. Da ich dadurch sehr hellfühlig bin, mich in andere Menschen gut hineinversetzen kann und sofort merke, wenn es jemandem schlecht geht, kann ich mich auch beim Schreiben sehr gut in Situationen hineinversetzen und die Gefühle beschreiben.

 

Was allerdings wieder ein Nachteil ist, ist, dass ich mir auch noch die Köpfe anderer zerbreche und über deren Probleme nachdenke…

 

                                                 Anika Brust

 

 

 

 

3.  Sarah, 15 Jahre:

 

 

Genau wie Anika habe ich mich schon immer anders und nicht normal gefühlt.

 

Außer mir fiel das damals auch meiner Grundschullehrerin auf. Ich hatte Konzentrations-probleme und wirkte oft nachdenklich, außerdem fühlte ich mich in kalten Klassenzimmern und im Gymnastikkeller der Schule nicht wohl.

 

Ich habe schon als kleines Kind meine Umwelt stärker als andere wahrgenommen. Meine Klassenlehrerin riet meiner Mutter mit mir zu einem Therapeuten zu gehen. Ein paar Wochen später hatten wir einen Termin bei ihm und er bestätigte noch einmal, was meine Lehrerin zu meiner Mutter sagte, fand aber keine Ursache dafür, noch hatte er einen Plan was ich haben könnte (man kann ihm aber keinen Vorwurf machen, damals wusste man noch nicht darüber Bescheid, dass es so etwas überhaupt gibt).

 

Ein paar Jahre später gingen wir wieder zu einem anderen Therapeuten und der meinte dann, dass ich HSP sein könnte.
Seit dem ich es weiß, fühle ich mich besser, weil ich nun endlich eine Erklärung habe, nach der ich schon so lange gesucht habe (das hört sich jetzt so an als wäre HSP eine Krankheit, ist es aber nicht).

 

Im Alltag schränkt es mich eigentlich kaum ein. Es gibt nur ein paar Sachen die nervig sind.


Zum Beispiel:
Wenn ich ein Buch lesen will, brauche ich absolute Ruhe, damit ich mich konzentrieren kann, sonst muss ich hundertmal von vorne anfangen. Dasselbe gilt übrigens auch für Hausaufgaben, Arbeiten und manch andere Dinge.
Besonders empfindlich reagiere ich auf Lichtreize, zum Beispiel, wenn ich in einem dunklen Raum TV gucke und auf einmal macht jemand das Licht an. Ich hab immer das Gefühl, dass ich das stärker wahrnehme als andere.
Außerdem bin ich ein sehr Harmonie bedürftiger Mensch. Ich mag es nicht, wenn es Streit gibt und hasse Stress. Wenn es mir dann mal zu bunt wird, gehe ich einfach auf mein Zimmer, wo ich dann meistens meine Ruhe habe, die ich auch brauche.


Eine Stärke und gleichzeitig auch Schwäche - wie meine Mutter immer sagt ist, dass ich mir zu viele Gedanken mache. Ich überlege erst tausendmal, wie ich etwas sage, um ganz sicher zu sein, dass ich den anderen nicht verletze. Ich denke auch über viele verschiedene Dinge nach und wenn ich meiner Freundinn dann erzähle worüber ich denke, lacht sie mich aus und fragt mich, wie man sich nur über so etwas Gedanken machen kann.


Trotz der Tatsache, dass ich sehr wenige soziale Kontakte habe (1 beste Freundin), kommen viele Klassenkameradinnen zu mir, wenn sie Probleme haben und jemanden suchen, der ihnen zuhört und nachempfinden kann, wie es ihnen geht.


Meine Freundin beschreibt mich immer als Sensible, wo ich ihr auch vollkommen zustimme. Mich verletzt es manchmal sehr, wenn manche Mädels aus der Klasse fiese Dinge zu mir sagen. Das ist dann immer wie ein Schlag ins Gesicht und ich frage mich immer, warum sie so etwas machen und was ich ihnen getan habe. Gleichzeitig werde ich manchmal echt wütend, wenn ich Filme gucke in denen es Ungerechtigkeiten oder andere Sachen gibt (trotz der Tatsache, dass ich weiß, dass es nur ein Film ist).


Vor einem Jahr hatte ich auch meinen ersten Freund und ich muss sagen, es war echt eine tolle Zeit. Meine Mutter dachte schon ich nehme Drogen oder so, weil immer wenn ich ihn gesehen habe, ich total gute Laune bekommen habe und einfach mein ganzes Herz aufging. Sie meinte teilweise zwar, dass ich mich da zu sehr hineinsteigere, aber ich habe ihr dann erklärt, dass das so ist, wenn man das erste Mal richtig doll verliebt ist.


Leider war dann auch mein erstes Mal verliebt sein bald vorbei aber andere Mütter haben auch schöne Söhne…

 

So das war soweit alles von mir.

                          Liebe Grüße

                                                      Sarah, 15 Jahre